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Aktuell

20 Oktober 2016

Kreative Moderationen statt langweiliger Kartenkleberei

Gibt es zum Thema Moderationsmethoden noch etwas Neues zu sagen? Nach meiner Beobachtung sind immer mehr Seminarteilnehmer von den üblichen Moderationsmethoden gelangweilt oder auch unterfordert. „Ach, schon wieder bunte Kärtchen beschriften, auf denen dann doch nur Buzzwörter wie „Wertschätzung, Respekt, und gute Kommunikation stehen werden“, scheinen sie zu denken. Ja, Moderationen können einen Beigeschmack der Beliebigkeit bekommen, wenn man nicht sehr ergebnisorientiert, präzise und ungewöhnlich moderiert. Auch deshalb ist es wichtig, immer mal wieder den eigenen Moderationsstil zu hinterfragen und neue Ansätze auszuprobieren. Die Autorin und Moderatorin Michaela Stach hat die aus der Systemtheorie stammenden Ansätze auf den Gruppenmoderationsprozess übertragen und es dabei tatsächlich geschafft den teilweise ermüdenden Moderationsmethoden einen neuen Twist zu geben.

Natürlich geht auch dieses Buch zunächst auf die Basiselemente guter Moderation ein: Zum Beispiel die neutrale und gleichzeitig zielorientierte Haltung des Moderators, wie man Aufträge klärt, relevante Fragestellungen entwickelt, eine angenehme Arbeitsatmosphäre herstellt, Moderationspläne erstellt und mit kritischen Situationen umgeht.

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Herausstechend ist hier der Blick der Autorin auf die Veränderungsbereitschaft, den Aggressionspegel und Beeinflussungsgrad der jeweiligen Gruppe. „Man verändert sich erst, wenn es weh tut“, so lautet ein Satz aus der systemischen Organisationsberatung. Die Gruppe muss also eine angemessene Veränderungsbereitschaft mit einem entsprechenden Aggressionslevel und natürlich überhaupt einen Einfluss auf die Veränderungsergebnisse haben, um arbeitsfähig zu sein.

Eine interessante Formel, die die Autorin in diesem Zusammenhang anbietet lautet: Wandel = UxVxE>B

Unzufriedenheit multipliziert mit der Vision davon, was möglich ist, und den Ersten konkreten Schritten hin zu dieser Vision sind zusammen größer als das Beharrungsvermögen (alles soll bleiben wie es ist).

Besonders stark ist das Buch in der Anwendung klassischer systemischer Fragen im Moderationskontext. Diese Fragen können durch die Einladung zum Perspektivwechsel einen Einstieg in „Out-of-the-box-Thinking“-Dimensionen sein. Wohlwissend, dass alle beteiligten Spieler in einer Organisation, durch ihren gemeinsam ausgerichteten Blick auf die „Wahrheit“, die akzeptierte Wahrheit über die Probleme und Herausforderungen in dem jeweiligen Unternehmen, erst erzeugen, bietet Michaela Stach Frageformen an, die helfen, eine neue Sicht auf diese Themenfelder zu schaffen und somit neue Realitäten zu erschaffen. So sind die klugen, die ungewöhnlichen Fragen das eigentliche Handwerkszeug des wirkungsvollen Moderators.

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Hier ein paar interessante Beispiele:

In verfahrenen Situationen oder auch wenn die Workshop-Teilnehmer scheinbar nicht mit voller Energie bei der Sache sind, kann man etwa fragen:

„Angenommen, man könnte die Decke dieses Gebäudes abnehmen wie in einem Spielzeughaus und ein fremder Beobachter würde uns hier sehen. Wie würde er die Situation, den Umgang der Teilnehmer miteinander oder den Umgang mit dem Thema beschreiben. Welche Lösungsansätze hätte er?“

Das Einbeziehen der Perspektiven von Partnern, Kunden oder anderen Gruppen:

„Welche Funktionalitäten würden unsere weiblichen Kunden sich für das Produkt wünschen?“ „Wenn wir unseren Lieferanten X befragen: Welches Verbesserungspotential würde er für unsere Beziehung sehen?“

Durch die Brille andere Beteiligter zu schauen, erlaubt es den Teilnehmern ihr oftmals systemisch entstandenes Denk-Gefängnis zu verlassen. Ziel ist es Antworten zu bekommen, die zeigen, dass „gute“ Lösungen auch ganz anders sein können, als ursprünglich gedacht.

Zukunftsorientierte Fragen

Moderierte Workshops finden im besten Falle statt, weil man sich eine andere, bessere Zukunft für die Organisation wünscht. In Kombination mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft wirken die zukunftsorientierten Fragen motivierend auf die Teilnehmer.

  • „Angenommen wir hätten unser Expansionsziel schon erreicht und zwei weitere Niederlassungen eröffnet. Wie würden wir dann unsere Marketingschritte ausrichten?“
  • „Und was davon sollten wir heute berücksichtigen?

Fragen nach konkretem Verhalten

Um die oben erwähnten Buzzwörter (wir wollen Respekt, Wertschätzung und Apfelkuchen) als Output zu vermeiden, ist es wichtig das konkrete Verhalten in bestimmen Situationen zu erfragen. Je konkreter die Frage, desto konkreter die Antwort.

Strukturtypische Konflikte zwischen Innen- und Außendienst können etwa so adressiert werden:

„Wie können wir uns als Außendienst verhalten, damit für die Kollegen vom Innendienst erkennbar ist, dass wir ihre Arbeit wertschätzen?“

Diese Frage ist viel schlauer als eine simple Frage wie: „Was erwarten wir (der Innendienst) von den Kollegen im Außendienst?“ Sie ahnen es: Die obligatorische Antwort wäre hier wieder „Apfelkuchen“ 😉

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Der Blick auf agile Methoden

Im hinteren Teil des Buches geht die Autorin auch auf die immer wichtiger werdenden agilen Methoden ein. Methoden wie Scrum, Kanban, Daily-Stand-up-Meetings oder LeanCoffee kommen eigentlich aus der Softwarentwicklung, finden aber immer mehr Einzug in andere Managementbereiche, weil sie deutlich flexibler, schlanker, kunden- und teamorientierter sind. All diese Methoden orientieren sich an dem u.a. von Kent Beck entwickelten Manifest, von 2001: 

  • Individuen und Interaktionen sind wichtiger als Prozesse und Werkzeuge
  • Funktionierende Software ist wichtiger als umfassende Dokumentation
  • Zusammenarbeit mit dem Kunden ist wichtiger als Vertragsverhandlung
  • Reagieren auf Veränderung ist wichtiger als das Befolgen eines Plans

Als Moderator muss man hier genau schauen, ob die Methode zu dem Ziel und der Unternehmenskultur des Auftraggebers passt. Gerade die schrittweise Vorgehensweise ist mitunter gewöhnungsbedürftig.

Michaela Stach hat ein angenehm zu lesendes, lehrreiches und mit vielen persönlichen Fallbeispielen gespicktes Buch vorgelegt, das ich sowohl für Moderationsanfänger als auch für Fortgeschrittene empfehlen kann. Ich werde sicherlich den einen oder anderen Tipp aus dem Buch in meinen nächsten Moderationen beherzigen.

 

mschach

Michaela Stach ist seit 20 Jahren Unternehmerin. Nach zahlreichen fundierten Ausbildungen im Bereich Coaching, Change Management, Moderation und Großgruppenmoderation spezialisierte sie sich auf den Schwerpunkt Systemische Moderation und gründete die gleichnamige Akademie.

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